Archiv für November 2008

Thanksgiving

Sonntag, 30. November 2008

Zunächst unwissend, dass Thanksgiving (Erntedankfest) hier einen beinahe höheren Stellenwert hat als Weihnachten, hatte ich für Donnerstag nichts Größeres geplant. Es ist in den USA  d a s  Familienfest, wo alle zusammen kommen und sehr viel essen, v.a. den bekanten Turkey (Truthahn). Der Hintergrund dieses Festes ist in den USA nicht nur das uns bekannte christliche Erntedankfest, sondern zusätzlich eine Geschichte, die auf die ersten Jahre der Kolonialzeit zurückgeht: Die ersten europäischen Siedler waren im ersten Winter vom Verhungern bedroht, doch einige Indianer halfen mit Essen aus, so dass die Siedler den Winter überstehen konnten.

Wie es dazu kam, dass ich Thanksgiving bei einem brasilianischen Einwandererehepaar verbracht habe, ist folgendes: Alex hatte sich im August bei einer Fußballrunde eingetragen, die von Marcos, einem Brasilianer organisiert wird. Dieser hatte dann die Fußballer zum Thanksgiving Dinner eingeladen. Alex fragte Frederik und mich, ob wir auch mitwollen und so gingen wir dann zu dritt hin. Meine folgenden Annahmen stellten sich als falsch heraus:

1. Marcos ist ein GTler in den Mittzwanzigern (Er ist Mitte 40 und arbeitet bei einer Baufirma)

2. Alex kennt Marcos (Alex war nur zwei Mal beim Fußball, aber da war Marcos nicht da)

3. Es sind noch viele andere Fußballer aus der Runde da (Es war noch ein weiterer Brasilianer aus der Fußballrunde da, der am GT als Post-Doktor arbeitet)

D.h. der Abend verlief total anders, als ich es mir vorher gedacht hatte. Statt unter vielen jungen Fußballern fanden wir uns bei einem Ehepaar in einer gated community (abgezäuntes Wohngebiet) wieder, die u.a. auch noch eine Freundin und ihre Nachbarn (ein indisches Ehepaar über 60) eingeladen hatten. Nach der anfänglichen Überraschung entwickelte sich das ganze zu einem sehr interessanten Abend! Überspitzt gesagt: Statt Fußballerwitzen, Lebensweisheiten und Geschichten aus dem Leben des indischen Ehepaars – Ein wahrhaft bürgerliches Thanksgiving. Die Gastfreundschaft der Albertinis war fantastisch! Luciane, Marcos‘ Frau, hat für alle gekocht (u.a. Truthahn) und sie ermunternten uns immer wieder, nicht schüchtern zu sein, was mir gegen später dann auch besser gelang, als ich mich an die ein wenig absurde, aber erfahrungsreiche Situation gewöhnt hatte.

Bill Clinton for Martin

Donnerstag, 20. November 2008

Da denkt man die Wahlen sind rum, aber denkste – hier in Georgia wird immer noch gewählt und zwar für den U.S. Senate, nachdem es am großen Wahltag keinen absoulten Sieger gab. Der amtierende republikanische Senator Saxby Chambliss tritt gegen den demokratischen Kandidaten hierzulande, Jim Martin, an. Um dessen Wahlkampf zu unterstützen gab heute Abend bei einer „rally“ (Wahlkampfmotivationsveranstaltung für Wahlkämpfer) kein geringerer als President Bill Clinton eine Rede auf dem Campus der Clarke Atlanta University, der jeder beiwohnen konnte, der Lust hatte; so auch Frederik und ich.

Bill Clinton in Atlanta

Bill Clinton in Atlanta

Martin for U.S. Senate

Martin for U.S. Senate

Nach langer Parkplatzsuche standen wir schließlich vor einer ca. 200m langen, etwa 3 Personen breiten Schlange. Das Warten wurde durch Wahlhelfer „erleichtert“, die mit Formularen herumliefen, auf denen man sich offiziell als Wahlhelfer eintragen konnte. Unwissend, ob sie uns auch reinlassen würden, wenn wir uns da nicht eintragen, haben wir es einfach mal gemacht. Für einen bestimmten Einsatzort wollte ich mich aber noch nicht festlegen 🙂 . Und plötzlich, löste sich die Schlange auf und alle liefen zu einem Podium, quer über eine Wiese. Wahrscheinlich war die Schlange nur dafür da, um die Leute möglichst geordnet mit Formularen zu versorgen… Jedenfalls hatte Bills Maschine wohl Verspätung, doch nach 1,5 Stunden durften wir dann doch eine ca 10 minütige Rede des beliebten Präsidenten hören. Im Wesentlichen ging es ihm darum, dass man im Senat eine Brücke schaffen soll, indem 60% der Sitze demokratisch sind, damit Obama möglichst handlunsgfähig ist (Mit 40% kann man wohl bestimmte Gesetze blockieren). Die Warterei hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das Schild hab ich übrigens von einem Gewerkschafter der AFL-CIO erhalten. Hab es pflichtgemäß auch zwei, drei Mal hochgehalten, um nicht allzu sehr den Anschein eines Souvenirjägers zu erwecken…

„Tracing the limits of language with Jazz…“

Montag, 17. November 2008

Ja, es gibt tatsächlich mal wieder etwas nicht-Universitäres zu berichten. Gerade ist ein bisschen Luftholen vor den Final Exams im Dezember möglich. Zunächst spielten am Freitag die GT-Basketballer ihr erstes Saisonspiel gegen die Mannschaft aus Winston-Salem und haben recht deutlich 92:47 gewonnen. Die Halle auf dem Campus, das „Alexander Memorial Coliseum“, bietet über 9.000 Sitzplätze, ganz voll war es aber nicht. Die glorreichen Zeiten von 2004, als sie das Finale der natiolen Ausscheidung erreichten ist wohl vorbei. Neben den gewohnten Showeinlagen der kleinen Marching Band (diesmal ohne Marching) und den Cheerleaders konnte man als Europäer wenigstens auch ein bisschen was mit der Sportart anfangen.

Basketball: GT vs Winston-Salem

Basketball: GT vs Winston-Salem

Am Samstag Abend folgte ein recht spontaner Besuch eines Konzert des Trios um Brad Mehldau, der laut Wikipedia „als einer der wichtigen Jazzpianisten der letzten Jahrzehnte gelten“ kann. Umso überraschter war ich zunächst, dass das Konzert ca. 1 Stunde nördlich von Atlanta in einem kleinen Militär-College für umsonst stattfinden sollte. Aber der Insider-Tipp hatte sich als hervorragend herausgestellt! Vielleicht um die 100 Leute waren in dem kleinen Saal, in dem dann wirklich Jazz vom feinsten geboten wurde (Soweit ich das beurteilen kann). Treffend beschrieb Mehldau seine Musik in einer Ansage während des Konzerts (sinngemäß) : „Das Lied hat noch keinen Namen. Wir müssen dann halt einen vergeben, wenn wir das Lied aufnehmen. Das ist dann wie eine Erkundung der Grenzen der Sprache durch Jazz.“ Hört es euch am besten selbst an (Brad Mehldau Trio – O Que Sera).

Und gestern war das zweite Regional Tournament im Tischtennis. Da viele wegen Lernstress fehlten, konnte ich diesmal alle Spiele mitmachen. Und falls ich mich hier selbst loben darf (ich war ja beim letzten Bericht übers TT auch selbstkritisch 😉 ) war das seit langem wieder mal eine tolle Leistung. Habe im Einzel nicht einen Satz abgegeben, wobei es zugegebenermaßen auch nur zwei gleichwertige Gegner gab. Durch unsere niederlagenfreie Bilanz im Team haben wir uns damit für die nationalen Meisterschaften nächstes Jahr in Minnesota qualifizert! Ein Erfolg, von dem unsere Footballer und Basketballer momentan nur träumen können 🙂 . Tischtennis ist natürlich auch nicht so die Sportart Nr.1 hier. Jetzt müssen wir nur noch einen Sponsor finden, der uns die Kosten ein wenig erleichtert. Hätte nicht ein geneigter Leser den Willen dazu?

Election Day

Mittwoch, 05. November 2008

Nun ist es also wahr. Obama hat es geschafft! Wir dürfen gespannt sein, was sich tatsächlich „wandelt“ in den kommenden Jahren.

Der Wahltag verlief für mich eher unspektakulär. Hätte ich nicht gewusst, dass Wahltag ist, hätte ich es vermutlich gar nicht gemerkt. Ein recht normaler Tag eben. Am Abend wurde es dann aber doch interessant, als ich zusammen mit John aus meiner WG die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt habe. John hatte „Election-Cookies“ gebacken und war den ganzen Tag im Amerika-T-Shirt herumgelaufen, um den Wahltag zu feiern, womit er aber doch eher eine Ausnahme darstellte, was die offene Begeisterung für den Wahltag anging, zumindest was ich hier auf dem Campus mitbekommen habe.

Staat um Staat wurde in den Nachrichten als blau oder rot ausgerufen und pünktlich um 23 Uhr, als die Wahllokale im Westen schlossen, wurde der Countdown für den neuen Präsidenten Obama gezählt, nachdem die Umfragen eindeutig waren. Die anschließende Rede von McCain fand ich beeindruckend, ein sehr fairer Verlierer! Überhaupt hat McCain in meinen Augen in letzter Zeit viel Sympathie gewonnen, wie er sich als Mensch gibt, auch wenn seine sachlichen Standpunkte nicht immer mit meinen übereinstimmten. Obamas Rede in Chicago vor einer riesigen Menschenmasse war der Abschluss des Wahlabends. Alle Journalisten betonten die historische Bedeutung eines afro-amerikanischen Präsidenten und die Worte schienen nur um diesen Aspekt zu kreisen, was meiner Meinung nach ein deutliches Zeichen ist, dass Rassismus in den USA immer noch ein ernstes Thema ist.

Obama vermittelt Hoffnung und Begeisterung für die alten amerikanischen Ideale, niemals aufzugeben, an die Demokratie zu glauben, seines Glückes Schmied zu sein – für das, was Amerika früher zu einem Symbol der Freiheit gemacht hatte, sich jedoch in den letzten 8 Jahren unter Bush zum Gegenteil verkehrte. Ich hoffe, dass unter seiner Präsidentschaft in Deutschland und in der Welt wieder das gerechtfertigte Bild vom guten Amerika entsteht, das meinem Eindruck nach viele zu Hause nicht mehr vertreten konnten.