Russland „The Great“ und Russland „The Ridiculous“

Die Reisegruppe sei kurz vorgestellt: Ivan A. (IA), Fußballbuddy aus Atlanta, der wieder in seiner Heimat Ozery bei Moskau wohnt. Ivan K. (IK), Labmitstreiter aus Atlanta, der seine Familie in Samara, Russland, besuchte und dessen Bruder Vladimir, ebenfalls PhD Student am Georgia Tech. Zusammen verbrachten wir 10 Tage in Russland. Während es sehr viele beeindruckende Dinge zu sehen gab, wurde auch meine Äußerung „That’s ridiculous!“ schnell zum geflügelten Wort. Russland ist ein Land der Gegensätze, nicht alles ergibt Sinn auf den ersten Blick, man muss nur wissen wie der Hase läuft.

Die Tapferen 4 vor der BasiliuskathedraleVladimir, Ivan K,, Ivan A., Martin

Die Tapferen 4 vor der Basiliuskathedrale: Vladimir, Ivan K,, Martin, Ivan A.

Wir starten unsere Reise in Ozery, ein 20,000-Leute-Nest 2 Stunden südlich von Moskau, das wir bequem und günstig (5 Euro) mit dem Zug erreichten. Trotz des moderaten Preises spielt sich regelmäßig ein kleines Schauspiel ab: Massen von Leuten strömen in die hinteren Wagons und rennen beim nächsten Bahnsteig wieder nach vorne, um dem Kartenkontrolleur zu entkommen. Und keinen interessiert’s, nicht einmal den Kontrolleur. Ridiculous! IA hat mich dann aber aufgeklärt, dass dies für viele ärmere Leute anders kaum zu bewerkstelligen wäre, da sie kaum genug zum Überleben verdienen und jeden Tag Stunden lang zur Arbeit pendeln müssen. Wir würden für die Bequemlichkeit zahlen, sitzenbleiben zu können, wenn der Schaffner kommt. Regeln sind nicht immer so strikt. Wo ein 2-Stunden-Zugticket 5 Euro kostet, da muss man ja als Mittelklasse-Mitteleuropäer leben können wie ein Zar, könnte man sich denken. Doch dann kommt schon das nächste ridiculous: Moskau ist eine der teuersten Städte der Welt, Wohnungen kaum bezahlbar, Essen und Trinken nur mit einem weinenden Schwabenauge. Dennoch zieht es die Menschen her, vermutlich auch wegen der Großartigkeit der Stadt, aber es ist ein teures Vergnügen, wenn man nicht gerade Öloligarch ist.

Ozery, Blick von Ivan A.'s Apartment

Ozery, Blick von Ivan A.’s Apartment

Kreml bei Nacht

Kreml bei Nacht

Zurück zu Ozery, wo wir gechillte Stunden am Badesee verbrachten und abends mit etwas Bier und einigen anderen jüngeren Leuten den grünen Mittelstreifen der Hauptstraße unsicher machten, wie das so in Ozery üblich ist, weil es sonst nicht viel zu tun gibt. Die Häuser sind zum großen Teil Plattenbauten-das haben die Leute halt seit jeher. Wer es sich leisten kann, baut ein eigenes Haus, so wie IA’s Vater, mithilfe günstiger usbekischer Arbeiter, die sich beim abendlichen BBQ auf der Baustelle dazugesellten. „Lahm“, „yes! Müller“, „da da. Schweinsteiger!“, „yes, Schweinsteiger…“, so verlief unsere Konversation nachdem sie mitbekommen hatten, dass ich aus Deutschland bin und kein russisch spreche. Mit IA’s Eltern und Familie war es glücklicherweise etwas besser, vor allem das Englisch seiner Schwester Ania ist sehr gut. Mit den Eltern hat IA dann aber doch manchmal ein bisschen nachhelfen und übersetzen müssen. Der Besuch  einer alternativen Community mit Bauernhof und Eisenschmiede, war ganz nach IA’s Geschmack (Er ist ein absoluter Gegener von Touri-Tourismus, aber er musste dann später in Moskau und St. Petersburg noch leiden). Der Schmied hätte eigentlich Sprecher einer Zigarettenwerbung werden sollen, so männlich rau hörte sich sein russisch an. Weiterhin besuchten wir eine heilige Quelle mit eiskaltem Wasser, in die man 3 Mal abtauchen musste – Ganzkörperkneipkur. Diese Behandlung hielt aber auch nicht die vielen Moskitos ab, die sich nicht einmal davor schämen Gesichter zu bestechen.

Kremlmauer

Kremlmauer

Moskaus Staats-Universität

Moskaus Staats-Universität

Nun also Moskau, eine Riesenstadt, sagenhaft große und schöne Metro, Leute, Leute, Leute und mittendrin der Kreml, das Herz Russlands. Die Aufzählung der touristischen Highlights (Paläste, Plätze, Kirchen, Kirchen und Kirchen) erspare ich mir und komme stattdessen auf IA’s Uni zu sprechen, wo er momentan eine PostDoc-Stelle hat. Solch eine  Stelle bringt in Russland ca. $300/Monat – Ridiculous… IA wollte, dass ich unbedingt ans Institut komme, damit ich die amtierende Lab-Tischtennismeisterin herausfordern könne. Naja, danach war ich dann der aktuelle Lab-Meister und meine Tischtenniskünste weit und breit diskutiert. Einigen von IA’s Kollegen schlossen wir uns abends an. Zu IK’s Entsetzen entwickelte sich unser Spaziergang in eine Protestaktion: Zum Geburtstag einens angeblich politschen Häftlings brachten einige Leute unserer Gruppe Luftballons an Hecken und Statuen an. Also, wenn mal die Revolution stattfinden sollte, ich war Teil davon… Glücklicherweise wurden wir nicht verhaftet, obwohl ich das fast auf dem Kreml nachgeholt hätte als ich zu Abkürzungszwecken eine Kette (sah mehr nach Dekoration als nach Absperrung aus) überstieg und eine Straße überquerte, was dem Wächter dort prompt auffiel, er hatte ja sonst nichts zu tun. Aber IK und Vladimir haben sich gleich für mich verantwortlich erklärt und die Situation entschärft. Weiterhin besuchten wir Moskaus Staats-Universität, die berühmteste Uni des Landes in einem gigantischen Stalinistischen Bau, wo auch IA studiert hatte. Auf dem Weg entlang der Moskva und in die anliegenden Hügel wurde mir wieder einmal bewusst wie groß die Stadt ist, jedenfalls meinen Fußschmerzen nach zu urteilen. Dank dem Insiderwissen zweier Freundinnen Anias durften wir Freitag Abend auch das Nachtleben Moskaus kennenlernen, was auch sehr gut lief, bis IA nach einem kurzen Ausflug nicht mehr reinkam, weil er zu freundlich mit dem Türsteher geredet hatte, der dann wohl dachte IA sei betrunken… Naja, in derselben Nacht nahmen wir den Nachtzug (Abfahrt 3:20) nach St. Petersburg, was sich als mittelschwere Qual herausstellte, da der Zug keine Klimaanlage hatte und die Sonne schon kurze Zeit später aufging.

Weiße Nächte in St. Petersburg - Die Brücke geht spät in der Nacht hoch, wie z.B. jetzt.

Weiße Nächte in St. Petersburg – Die Brücke geht spät in der Nacht hoch, wie z.B. jetzt.

St. Petersburg sieht im Gegensatz zu Moskau europäischen Städten ähnlich und hat daher nicht so viel Charakter auf mich ausgestrahlt wie Moskau. Nichtsdestotrotz ist St. Petersburg eine sehr sehr hübsche Stadt mit seinen Kanälen und Prachtbauten, und vor allem den „weißen Nächten“ im Sommer, wenn es nie ganz dunkel wird (St. Petersburg liegt ungefähr so nördlich wie Helsinki…). Letzteres  war für mich das Highlight der Stadt, wenn man um Mitternacht durch die Straßen läuft und es gerade mal so noch dämmert. Eines Abends wurden IA und ich sogar gezwungen, uns die Nacht genauer anzuschauen, als gegen 1:30 morgens die Neva-Brücken hochgingen um Tanker durchzuschleußen. Unser Hotel befand sich auf der anderen Seite des Flusses… Ridiculous, eine Stunde warten für alle, auch für Autofahrer, die Insel war abgeschnitten. Was man trotz Riesen Touriandrang nicht verpassen sollte ist die Eremitage (Winterresidenz der Zaren), die sich direkt mit dem Louvre in Paris messen lassen will. Gigantisch, sowohl von der Größe als auch der Schönheit und Kunst im Inneren. Auch die „Pushkin“ Sommerresidenz (mit dem bekannten Bernsteinzimmer) etwas außerhalb der Stadt ließen wir uns nicht entgehen. Ich schloss mich einer Gruppe deutscher Schüler für die Führung an. Kleine Anekdote im Bernsteinzimmer: Führerin zur vorderen Reihe: „Bitte keine Bilder machen“. Lehrerin zur mittleren Reihe: „Keine Bilder machen oder nicht erwischen lassen.“ Schüler zur letzten Reihe: „Nicht beim Fotografieren erwischen lassen“. Ist aber auch immer ein Affentheater von wegen „keine Fotos, blabla“… Oft gibt es ja (auch in Deutschland) extra Fotolizenzen, die dann extra kosten. Doch Russland geht noch einen Schritt weiter: Russische Staatsbürger zahlen oft weniger Eintrittsgeld als Ausländer. Das fand ich dann auch ziemlich ridiculous.

Goldenes Zimmer in der Eremitage. Besonders an diesem Bild ist vor allem, dass keine anderen Touris drauf sind!!!

Goldenes Zimmer in der Eremitage. Besonders an diesem Bild ist vor allem, dass nur zwei Touris drauf sind!!!

Mit dem Nachtzug (diesmal mit Klimaanlage) ging es dann wieder zurück nach Moskau, wo der Trip dann fast schon zu Ende war. Wir Reisenden waren dann auch ziemlich am Ende und den letzten Abend verbrachte ich noch mit IA in Ozery. Den letzten Zug von der Metrostation Kiewskaya zum Flughafen Vnukovo nahm ich sogar alleine, da ich zu diesem Zeitpunkt schon ein bisschen kyrilisch lesen konnte. Ohne Russischkenntnisse würde ich aber eine Reise nicht unbedingt empfehlen. Meine drei Reisebegleiter haben sich da sehr aufopferungsvoll um mich gekümmert (vom Ticketkaufen, übers Essenbestellen usw.), was ich auch sehr zu schätzen weiß!

 

 

3 Antworten zu “Russland „The Great“ und Russland „The Ridiculous“”

  1. sister Sagt:

    Hey Bruderherz,

    hört sich ja nach ner spannenden, aufregenden, anstrengenden aber sehr lustigen Reise an! (Kanns mir bildlich vorstellen mit der Kette =P hihi) Freut mich für dich, dass du auch mal bissle von deinem Programmierkrams wegkommen konntest 😉

    hug and kiss,
    your lil sis

  2. scytale Sagt:

    Klingt cool! Ein Lob an die freundlichen Reise(beg)leiter. 😉
    Hast du ein Video von den Leuten im Zug? 🙂

    Und weil wir es neulich davon hatten und ich mir es schon wieder nicht merken konnte:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Leningrad
    http://de.wikipedia.org/wiki/Stalingrad

  3. martin Sagt:

    Ein Video von Leuten im Zug!? Ne, meine Linse kann nicht nah genug stellen so eng wie’s da zuging… 😉